Autophoto

30 Jahre nach der Ausstellung „Hommage an Ferrari“, präsentiert die Fondation Cartier pour l’Art Contemporain wieder eine Ausstellung rund um das geliebte Automobil in all seinen Facetten. Über 500 Bilder bekannter und neu entdeckter Fotografen sprechen von der  Beziehung zwischen Fotografie, Mensch und Automobilindustrie. QUALITY interviewte den Kurator Philippe Séclier.

Eine Hand ruht auf einem Lenkrad, ein verwischter Blick aus dem Inneren eines Autos öffnet ein schmales Tor zu den Straßenszenarien. Das Auto – ein Theater, aus dem der Blick nach draußen auf eine  Bühne der Realitäten trifft. Still steht die unendlich lange Schnauze eines Amischlittens vor einer Lamellenwand wohingegen der ondulierende Schwarz-Weiß Charme eines archetypischen 50-er Jahre-Rennschlittens einen verwischten Moment von Geschwindigkeit suggeriert, in dem der Betrachter zu taumeln beginnt. Ruhe bringt das Stoische, der wie mit einem Lineal gemessenen Abstände symmetrisch geparkten Autos in einer Betontiefgarage. Man riecht sie förmlich die Abgase, die Reifen, das Leder der Chevrolets, das Quietschen der Kleinwagen oder man legt sich gedanklich gleich mit in die Kurven, spürt die Geschwindigkeit, genießt den Stillstand.

 

Kuratiert wurde AUTOPHOTO von Philippe Séclier. Der lange Jahre auf renommierte Automagazine spezialisierte Journalist, hatte zunächst die Idee mit dem Verleger Xavier Barral (Architektur, Modern Art & Wissenschaft) ein Fotokunstbuch-über weltweite Autofotografie zu veröffentlichen. 5 Jahre reifte die Idee heran. Séclier begab sich selbst auf einen Roadtrip durch Italien und die USA – spürte dem Weg auf vier Rädern nach. Als er vor zwei Jahren dann seine Idee Hervé Chandès, seines Zeichens CEO in der Fondation Cartier pour l’Art Contemporain vorstellte, ging alles sozusagen  themengemäß schneller als ihm lieb war. „Ich traf Hervé in Seoul und meine Idee war, die Ausstellung zum 130-jährigen Jubiläum der ersten „Mondial de l’Automobile Paris“ 1898 zu planen.Er war so begeistert, dass er das Projekt gleich ein ganzes Jahr nach vorne verlegte. Da hiess es ein strammes Programm durchziehen: Wir sichteten 10.000 Fotos und entschlossen uns die Fotoauswahl seriell anzulegen. Landscape war der Überbegriff, der sich in Städte, Garagen oder Parkhäuser kategorisierte, am Ende kam noch das  Auto-Portrait dazu. „Automobile sind wie Schauspieler in einem Theater. Der Mensch sucht die Nähe zum Objekt, lässt sich gerne damit ablichten. Das Auto hat etwas sehr intimes, ist wie ein rollender Livingroom, aber mit Fenstern in die Öffentlichkeit. Gleichzeitig kann man aber auch mal Dinge im Verborgenen tun, wie einige Fotos zeigen. Oder man muss nur mal früh morgens durch die Stadt fahren und an der Ampel ins Auto nebenan schauen“ Séclier auserwählte Fotografen und ihre Werke kommen von überall her: „Deutsche, Franzosen und Amerikaner sind da ganz vorne. Die können nicht nur Autos bauen sondern auch fotografieren. Auto-sind Kulturprägend. Interessanterweise sind Italiener, mit Ferrari und Co.die Top-DESIGN sind, aber leider nicht so gut im Knipsen. Am Schwierigsten war es, gute Fotografen in China zu finden, die hatten bis vor 10 Jahren ja nur ihre Fahrräder. Afrika ist dagegen gut aufgestellt, gerade was die Kombination Landscape, Road und Body betrifft,“ so Séclier, der das erste mal eine Ausstellung kuratiert.

 

Er will die Besucher auf eine Zeitreise durch ein visuelles Universums auf vier Rädern einladen: ästhetisch, sozial und gut gebettet in einem kontrastreichen Kontext von Industrie und Umwelt, der zeitlich an den Anfang des zwanzigsten Jahrhundert bis hin zur Gegenwart anknüpft. Das Auto rollt im Zeitstrom beeinflusst und durchquert Natur und Landschaften ebenso wie das von den Lichtern der Großstadt beleuchtete urbane Pflaster. Stehen für Mobilität und die Freiheit zu Reisen – verbinden Welten und sind Teil eines kulturellen Gewebes. Viele Fotografen haben das Auto als technische Erweiterung ihrer Kamera genutzt, perspektivisch, das Arbeiten mit hohen Geschwindigkeiten, das Spiel mit Spiegelungen im Lack, der Blick durch Glas. So dokumentieren Fotografen wie Swiss Ella Maillart und Nicolas Bouvier bereits in den 1930 und 1950-er Jahren ihre Asien-Reisen ans andere Ende der Welt über eine handmontierte Kamera dokumentiert. Für jeden ist die Konnotation AUTO ein andere, für den einen funktional, den anderen ästhetisch, fast immer aber emotional. Der Identifikationsmoment mit dem eigenen Gefährt ist  enorm – heute würde man sagen „selfie-like“. Als Selbstbildnisse  könnte man „AUTO-Portrait“ übersetzen – der Blick in den Rückspiegel als ein Blick ins eigene Selbst? So präsentiert die  Ausstellung auch eine Reihe „Selbstporträts“, die zwischen der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und

 

Heute entstanden sind. Ob als Schrauber unter dem Auto oder als Blackman-Taxidriver-Poser in schneeweißen Suite stolz davor oder im offenen Lieferwagen zusammengepferchte Arbeitertruppe   von oben, alle sind stolz auf ihr Vehikel als – es ist Symbol – für sozialen Erfolg und eine kollektive neue Flexibilität und Beweglichkeit.

 

Unter den Bildern stehen bekannte Namen wie Jacques Henri Lartigue, Germaine Krull, Robert Doisneau, Brassaï, William Eggleston, Lee Friedlander oder Andreas Gursky aber auch weniger bekannte Fotografen wie Justine Kurland und Jacqueline Hassink beeindrucken mit ihren vierrädrigen Impressionen.

 

Auf die Frage nach den Auswahlkriterien betont Philippe Séclier sein Anliegen eine Balance zwischen den ganz Großen und den unbekannten, jungen Fotografen zu generieren. Manche Nachwuchstalente sind fast schon obsessiv auf Autos fixiert und liefern echte Masterpieces. Zu seinen Favoriten zählen Ed Ruscha mit seinen Parkhausstimmungen (Urban Landscapes), oder Henry Wessel, der mit seiner Kamera fast schon voyeuristisch in das Innere der  Autos blickt. Ronni Campana spielt mit dem Identifikationsmoment und der Körperlichkeit von Auto und Besitzer, die gleichermaßen auf sich achten. Trotzdem ist Séclier Fazit zur Autoindustrie eher negativ. Sein Blick fällt unverblümt auf die Umweltprobleme und die Autofriedhöfe, die überall entstehen. Die Afrikaner machen es richtig, die recyclen die alten Karren- vielleicht aus der Not, aber zum Wohl der Welt. Genau deswegen und da in Frankreich das Schnellfahren gar nicht mehr möglich ist (so fällt auch der Spaß an der Freude weg) will er zukünftig auch nicht mehr als rasender Autoredakteur und Racingtester arbeiten, sondern lieber weiterhin sinnstiftende Ausstellungen kuratieren. Und das Skurilste am Schluss: Séclier fährt seit Neuestem nur noch Fahrrad und parkt direkt vor der Fondation.

 

Autophoto zeigt deutliche Parallelen auf  in der Entwicklung der Fotografie  zur Entwicklung der Autotechnologie, Die diversifizierten perspektivischen Blickwinkel der AUTOPHOTO-GRAPHEN aber bleibt ein lebendiges Manifest. Allen ist eins gemeinsam: die Faszination und individuelle Interpretation einer MOTION-Welt, die sich zwischen Design, Technologie, Zeit, Raum bewegt. Die Ausstellung mit dem Must-Have-Begleitkatalog gibt diese Facetten wieder.

 

Bis zum 24.September ist sie noch zu sehen. Mit dem Lieblingsautomobil für einen Kaffee nach Paris, einfach so nur zum Spaß …

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